Für dieses exklusive Interview sprach Touch-Me mit Jeremy Heshof, Sexologe, registrierter ACT-Therapeut, Beziehungstherapeut und Behandler von Pornografie- und Sexsucht. In diesem Gespräch teilt Jeremy seine Vision von Stress, Libido, Intimität und Beziehungen.
1. Warum kann man jemanden lieben, aber trotzdem keine Lust auf Sex haben?
Touch-Me:
Warum kann man jemanden lieben, aber trotzdem keine Lust auf Sex haben?
Jeremy Heshof:
Liebe und Sex sind nicht automatisch dasselbe. Man kann jemanden lieben, ohne dass damit automatisch sexuelles Verlangen einhergeht. Am Anfang einer Beziehung geben sich Menschen oft viel Mühe, einander zu erobern. Dadurch ist Sex oft intensiver und häufiger.
Je länger eine Beziehung dauert, desto mehr kann Selbstverständlichkeit entstehen. Menschen investieren manchmal weniger in den Kontakt, weniger in sich selbst und konzentrieren sich mehr auf ihre eigenen Routinen. Das bedeutet nicht, dass die Liebe weg ist. Laut Jeremy kommt es regelmäßig vor, dass jemand immer noch denkt: Ich möchte mein Leben mit dieser Person teilen, während Sex eine geringere Priorität erhalten hat.
2. Warum fühlt sich Berührung manchmal wie eine Verpflichtung an, wenn der Kopf voll ist?
Touch-Me:
Warum fühlt sich Berührung manchmal wie eine Verpflichtung an, wenn der Kopf voll ist?
Jeremy Heshof:
Laut Jeremy beginnt alles mit der Bedeutung, die jemand Berührung beimisst. Wenn ein Partner glaubt, dass jede Berührung automatisch zu Sex führen muss, kann selbst eine liebevolle Umarmung als Druck empfunden werden.
Viele Menschen kommunizieren darüber nicht, wodurch Missverständnisse entstehen. Das eigentliche Gespräch dreht sich oft nicht um Sex, sondern um Erwartungen, Müdigkeit und das Bedürfnis nach Ruhe. Deshalb rät Jeremy, außerhalb des Augenblicks zu besprechen, was jemand braucht und was Berührung für ihn oder sie bedeutet.
3. Warum verlieren sich Paare gerade dann, wenn sie einander am dringendsten brauchen?
Touch-Me:
Warum verlieren sich Paare gerade dann, wenn sie einander am dringendsten brauchen?
Jeremy Heshof:
Jeremy stellt zunächst die Frage, ob Menschen einander in diesen Momenten tatsächlich immer helfen können. Wenn beide Partner überlastet sind, entsteht manchmal die Erwartung, dass der andere den Stress löst. Dadurch kann Unterstützung zu Druck werden.
Ihm zufolge ist es wichtig, regelmäßig zu besprechen, wie es beiden Partnern geht, was jemand braucht und ob der andere in diesem Moment die Möglichkeit hat, dies zu geben.
4. Wann ist es Zeit, Hilfe zu suchen?
Touch-Me:
Wann ist es Zeit, Hilfe zu suchen?
Jeremy Heshof:
Laut Jeremy warten viele Menschen zu lange mit einer Paartherapie. Oft sind Muster dann schon jahrelang vorhanden. Sobald dieselben Probleme immer wiederkehren, Gespräche festgefahren sind oder eine unausgesprochene Unzufriedenheit vorliegt, kann es ratsam sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Je früher Paare ins Gespräch kommen, desto größer ist die Chance, dass die Verbindung erhalten bleibt.
5. Warum reden Paare leichter über Arbeitsstress als über nachlassendes Verlangen?
Touch-Me:
Warum reden Paare leichter über Arbeitsstress als über nachlassendes Verlangen?
Jeremy Heshof:
Arbeitsstress fühlt sich meist weniger persönlich an. Nachlassendes Verlangen berührt direkt Gefühle von Attraktivität, Ablehnung und Selbstwertgefühl. Dadurch fühlen sich Menschen schneller angegriffen.
Jeremy beobachtet oft, dass Partner dadurch in die Defensive gehen, während der andere eigentlich nur versucht zu erklären, was los ist.
6. Wie erkennt man, dass das Libido nicht verschwunden ist, sondern vorübergehend unter Druck steht?
Touch-Me:
Wie erkennt man, dass das Libido nicht verschwunden ist, sondern vorübergehend unter Druck steht?
Jeremy Heshof:
Jeremy beschreibt Libido als ein Zusammenspiel von Faktoren. Stress, körperliche Gesundheit, Hormone, Medikamente und die Umgebung spielen alle eine Rolle.
Eine Frage, die er oft stellt, ist, ob jemand individuell noch Verlangen empfindet. Wenn außerhalb der Beziehung noch Verlangen vorhanden ist, aber nicht innerhalb der Beziehung, kann das auf Beziehungsprobleme, Kommunikationsprobleme oder Unzufriedenheit mit der sexuellen Dynamik hinweisen.
7. Warum spielt das Selbstbild eine so große Rolle bei der Sexualität?
Touch-Me:
Warum spielt das Selbstbild eine so große Rolle bei der Sexualität?
Jeremy Heshof:
Menschen nehmen ihr Selbstbild mit ins Schlafzimmer. Wenn jemand sich nicht attraktiv oder wertvoll findet, beeinflusst das oft auch die sexuelle Erfahrung.
Jeremy schaut deshalb nicht nur auf Sex, sondern auch auf Erziehung, Bindung und frühere Lebenserfahrungen. Ihm zufolge liegen dort oft wichtige Erklärungen für Probleme, die sich später in Beziehungen äußern.
8. Welchen Einfluss hat die Erziehung auf Intimität?
Touch-Me:
Welchen Einfluss hat die Erziehung auf Intimität?
Jeremy Heshof:
Wenn jemand gelernt hat, dass Sex ein Thema ist, über das nicht gesprochen werden darf, kann das später zu Scham und Zurückhaltung führen.
Jeremy sieht regelmäßig, dass sexuelle Erziehung Einfluss darauf hat, wie leicht Menschen über Wünsche, Grenzen und Enttäuschungen kommunizieren.
9. Wie können Paare wieder Verlangen aufbauen, ohne Druck oder Leistungszwang?
Touch-Me:
Wie können Paare wieder Verlangen aufbauen, ohne Druck oder Leistungszwang?
Jeremy Heshof:
Laut Jeremy beginnt Verlangen mit Neugier. Was bedeutet Verlangen für dich? Was brauchst du, um erregt zu werden? Was braucht dein Partner?
Für den einen beginnt Verlangen mit Aufmerksamkeit, Kuscheln und Wertschätzung. Für den anderen viel direkter. Indem diese Unterschiede besprochen werden, entsteht oft wieder Raum für Verbindung.
10. Was möchte Jeremy Paaren mit auf den Weg geben?
Touch-Me:
Was möchte Jeremy Paaren mit auf den Weg geben?
Jeremy Heshof:
Jeremy schließt mit einem Vergleich zwischen Beziehungen und Projektmanagement. Bei der Arbeit evaluieren wir, passen an und besprechen, was besser gemacht werden kann. Ihm zufolge sollten Paare das auch tun.
Bleibt im Gespräch, bleibt neugierig und überrascht euch gegenseitig. Der größte Beziehungskiller ist ihm zufolge der Trott. Seine wichtigste Botschaft: Erstellt gemeinsam ein sexuelles Skript, das für eure Beziehung funktioniert, und lasst euch nicht von Durchschnittswerten oder den Erwartungen anderer leiten.
Jeremy Heshof: Instagram
Porträtfoto: Frank Mossink

